diskurs film Verlag
diskurs film - Kompetenz in Medienwissenschaft

dfB.11 (1996)

Kirsten Burghardt:

Werk, Skandal, Exempel

Tabudurchbrechung durch fiktionale Modelle: Willi Forsts DIE SÜNDERIN (D/1951)

373 S., 10 s/w-Fotos

ISBN 3-926372-61-3

44,00 € [D]

 

 

Zum Inhalt:


Als kollektives Erkenntnismedium für moralisch-ethische Anschauungen provoziert ein Film immer dann, wenn er mit den Denkkonventionen, Wertorientierungen und Normvorstellungen kollidiert, auf denen der gesellschaftliche Konsens beruht. Entfaltet wird das Provokations- und Tabupotential jedoch erst im Rezeptionsakt, durch einen allzu stark an vorherrschenden Normen orientierten Rezipienten, der sich dem zeitgeschichtlichen Normenwandel von soziokulturellen Lebensanschauungen verweigert.

DIE SNDERIN ist für dieses Thema prädestiniert, verkörpert dieser Film doch eines der wenigen repräsentativen Beispiele für Fehlrezeptionen. Als der Film 1951 in die Kinos kam, schockierte und mobilisierte er die ganze Öffentlichkeit. Mit seinen tabudurchbrechenden fiktionalen Modellen ›wilde Ehe‹, ›Prostitution‹, ›Selbstmord‹ und ›Sterbehilfe‹ rüttelte dieses Werk an Tabus, die die in ihrer Moralbasis geschwächte Nach-kriegsgesellschaft gerade wieder zu stabilisieren suchte. So ist DIE SÜNDERIN auch ein Beispiel dafür, dass sich der Film als Kunstwerk immer wieder von den Fesseln eines seit jeher bestehenden Trivialverständnisses als ›Massenmedium‹ befreien und um die Anerkennung seines Kunstpotentials und seiner künstlerischen Legitimation kämpfen muss.

Die vorliegende Studie bietet neben der Rekonstruktion des Skandals eine umfassende Werkanalyse unter besonderer Berücksichtigung der Funktionen seiner fiktionalen Konfliktlösungsmodelle. DIE SÜNDERIN wird im Kontext der zeitgenössischen Rezeptionsperspektive, der Gerichtsurteile, der Traditionslinie des Motivs ›Sterbehilfe‹ und des Themas der moralischen Wiederaufrüstung in der deutschen Nachkriegsfilmproduktion sowie im Kontext der Zensur untersucht. Im Vergleich der filminternen Diskurs- und Bewertungsstrategien mit den Auswertungs-ergebnissen des Rezeptionsmaterials wird eine umfassende Rekonstruktion des Werks und seines ›Skandals‹ als filmhistorisches Exemplum vorgelegt.